Rede Mahnwache Woche 4
Mahnwache 4. Woche, Atomkraftwerke abschalten
Ein Monat ist seit dem 11.03.2011 vergangen. Ein Monat, indem sich für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf Japan richtete und Anteil nahm an dem Schrecken, den erst das Erdbeben mitsamt Tsunami und dann die Reaktorkatastrophe in Fukushima brachten.
Erst am vergangenen Donnerstag gab es erneut ein schweres Nachbeben. Wieder starben Menschen und wieder kam es zu Problemen in japanischen Atomreaktoren. Und auch vor wenigen Stunden ist es in Japan zu einem erneuten Beben gekommen und wieder setzten im havarierten Reaktor von Fukushima I die Pumpen aus, wieder traten Probleme auf.
Auch wenn diesmal durch die neuen Beben weitere nukleare Katastrophen bislang ausgeblieben sind, so ist doch klar und wird immer klarer, dass es keine Sicherheit geben kann. Daher kann die Schlussfolgerung nicht sein, dass nur die Reaktoren sicherer gemacht werden müssten, um die Technik sicher zu machen.
Bislang sind die Folgen des Reaktorunglücks relativ begrenzt. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass in Fukushima bis jetzt etwa ein Zehntel des radioaktiven Materials freigesetzt wurde, das beim Tschernobyl-Unglück 1986 in die Umwelt gelangt war. So schreibt Die Zeitung „Spektrum der Wissenschaft“:
„Günstige Winde haben das meiste davon hinaus auf den Pazifik geweht. So gab die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien letzte Woche bekannt, dass sich radioaktive Isotope aus Fukushima mittlerweile über die gesamte Nordhalbkugel verteilt haben – insgesamt gingen außerhalb Japans jedoch nur vernachlässigbare Mengen an Radionukliden wie Jod-131 und Zäsium-137 nieder. Beide Isotope bilden den größten Teil der "radioaktiven Wolke". Von Tschernobyl aus breitete sich dagegen der Fallout über große Teile Europas aus.
Aus den beschädigten Reaktoren von Fukushima gelangen jedoch immer noch radioaktive Elemente in die Umwelt. Auch wenn es gelingt, diese Emissionen zu stoppen, die langfristigen Folgen für Japan hängen vor allem davon ab, welche und wie viele radioaktive Isotope an Land niedergehen. Besonders die Zäsium-137-Konzentration entscheidet wesentlich darüber, welche Gebiete zukünftig erst einmal nicht mehr bewirtschaftet oder bewohnt werden dürfen: Das Isotop besitzt eine Halbwertszeit von 30 Jahren.
Am letzten Sonntag meldete die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass in 16 von Japans 47 Regierungsbezirken täglich weniger als 860 Becquerel pro Quadratmeter (Bq/m2) Jod-131 und rund 100 Bq/m2 Zäsium-137 niedergingen – zum Vergleich: Nach Tschernobyl gingen in Teilen Süddeutschlands bis zu 100 000 Bq/m2 Radionuklide nieder. Zwischen dem 18. und dem 25. März hatte sich zudem in 28 Bezirken die Radioaktivität nicht erhöht, wie die IAEA weiter berichtet. Unmittelbar nordwestlich von Fukushima, in der Präfektur Yamagata, maß die Behörde jedoch eine deutlich stärkere Kontamination: 7500 Bq/m2 Jod-131 und 1200 Bq/m2 Zäsium-137 – beides übersteigt weit die maximalen Grenzwerte für den Anbau von Blattgemüse. Für Fukushima selbst lagen noch keine Ergebnisse vor, doch kann man dort ebenfalls hohe Strahlendosen erwarten.“
Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO kommt ihren Pflichten einer umfassenden Information und Aufklärung nicht nach. Der Grund ist ein Abkommen mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) aus dem Jahr 1959, nach dem die WHO in Atomfragen nicht ohne die Zustimmung der IAEA veröffentlichen darf. Wieder einmal wird die Macht der Atomlobby deutlich. Eine Macht, der wir uns entgegenstellen.
Der radioaktive Zerfall wird mit der Halbwertszeit gemessen und beschrieben. Es gibt physikalische, biologische und politische Halbwertszeiten - die politischen Halbwertszeiten sind die kürzesten.
Vier Wochen nach dem Beginn der Katastrophe hat sich auch die Debatte in Deutschland gewandelt. Nach dem Schrecken und der Erklärung den Atomausstieg jetzt angehen zu wollen, folgt inzwischen der ideologische Rückzug.
Schon haben die AKW-Betreiber erklärt, kein Geld mehr in den Öko-Fonds zahlen zu wollen. Schon hat RWE Klage gegen das Moratorium eingereicht und auch die zunächst kleinlauten Kernkraftfans von CDU und FDP wagen sich wieder in die Öffentlichkeit.
Vor zwei Wochen hätten es RWE, ENBW, EON und Vattenfail nicht gewagt die Zahlungen an den Öko-Fonds einzustellen. Nur zwei Wochen später gewinnen die Monopolisten des Untergangs wieder Hochwasser und kämpfen um ihre Profite.
Auch die Politik hat sich gewandelt. Noch eben hat der FDP Generalsekretär Christian Lindner erklärt, dass Schluss sein müsse mit der Atomkraft, nunmehr erklärt er ein sofortiges Ende wäre unmöglich. Volker Kauder, Fraktionschef der CDU/CSU im Bundestag, warnt vor einem Atomausstieg Hals über Kopf.
Am dreistesten ist die Wende in der sächsischen FDP, die noch vor der Verlängerung der Laufzeiten durch ihren Wirtschaftsminister Morlok erklären ließ, dass das Energiekonzept und die Förderung der Atomkraft Gift für die heimische Braunkohle wäre. Nach Fukushima und der zweifachen Kehrtwende des FDP Generalsekretärs erklärt der FDP Landesvorsitzende, dass man unbedingt an der Kernkraft festhalten müsse und die Nachwuchsorganisation der FDP organisiert Fahrten in heimische AKWs, um die Sicherheit zu beweisen. Eine Sicherheit, die sich in Zwischenfällen auch in Deutschen AKWs jeden Tag realisiert. Die sächsische Landesregierung hat offenbar überhaupt keine Probleme damit, wenn der tschechische Reaktor von Temelin, der nicht einmal ansatzweise den laufenden Sicherheitsstandards entspricht, ausgebaut werden soll.
Und alle hoffen sie, dass die öffentliche Aufmerksamkeit zerfällt, dass es wieder andere Themen sind, die die Menschen bewegen. Aber es kann und wird keine Rückkehr mehr geben.
Als Bündnis gegen Atomkraft, als Teil der weltweiten Anti-Atomkraft Bewegung erklären wir, wir werden euch den Rückweg abschneiden. Für Atomkraft und ihre Befürworter wird es kein sicheres Hinterland mehr geben.
