Rede zur Mahnwache am 28. März 2011- 17 Tage nach Fukushima
Wir beginnen die Tage zu zählen. Die Katastrophe von Japan ist Bestandteil der Geschichte geworden. Einer Geschichte, die nicht abgeschlossen ist, nicht beendet ist. Der Schrecken hat nachgelassen, ist fast zum Alltag geworden. Das Rat der Zeit, es dreht sich weiter.
Am 11.03.2011 bebte die Erde, es folgte ein Tsunami und das, was darauf folgte, ist die Katastrophe nach der Katastrophe - der atomare Schrecken, der uns so fremd war, so abstrakt, ist wieder zurückgekehrt. Nicht nur hier, nein, überall, weltweit.
25 Jahre nach Tschernobyl hat der atomare Schrecken einen neuen Namen - Fukushima
Das, was wir wissen aus Japan, von den Menschen, von den Überlebenden, von den Opfern, hinterlässt auch bei uns weit entfernt, trotz aller Unterschiede, ein Gefühl des tiefen Mitgefühls.
Inzwischen sind über 9000 Menschen offiziell für tot erklärt worden. Über 14.000 werden weiterhin vermisst, werden wohl nie mehr auftauchen. Neben der Kälte in Japan, zum Winter und Frost, kommt für die Menschen nun immer mehr auch die Angst, die Angst aus der Luft und dem Wasser, die Angst vor der radioaktiven Strahlung. 8 Gemüsesorten sind inzwischen als bedenklich eingestuft, das Trinkwasser ist zum Teil kontaminiert und der Strom wird knapp.
Gestern hat die japanische Regierung offiziell eingeräumt, was nicht mehr zu leugnen war. In Fukushima findet eine Kernschmelze statt. Die aktuellen Werte und Aussagen belegen das Ausmaß der Katastrophe. Doch nach wie vor wird verschleiert. Von Seiten des Betreibers werden immer wieder Dementis gestreut und werden nur zögerlich Informationen preisgegeben.
Der Chef der IAEA äußerte sich, dass das Ende des Unfalls noch in weiter Ferne liege. Und auch in Japan werden die Menschen wütend. Wütend, da sie sich allein gelassen fühlen mit der Angst, weil die Informationen nur zögerlich fließen. Und so waren es auch am Wochenende wieder mehrere Hundert, die in Tokio gegen Atomkraft protestiert haben. Von Woche zu Woche werden es mehr.
Zur Tatsache, dass inzwischen eine sehr starke radioaktive Verstrahlung mit Cäsium 137 und Iod 131 festgestellt wurde, die im pazifischen Ozean den Grenzwert um das 1250 fache übersteigt, partiell sogar um das 2000fache, kommt dazu, dass nunmehr auch freie Neutronen festgestellt wurden und damit eine Kontamination mit Plutonium und Uran als sicher gelten kann.
Die Lage ist dabei weit entfernt unter Kontrolle zu sein. Die ganze Hilflosigkeit beim Umgang mit diesem Unfall, sie wird uns jeden Tag vor Augen geführt. Nachdem am Anfang versucht wurde, die Brennelemente mit Meerwasser zu kühlen, sind diese Versuche nunmehr gestoppt wurden, da sich zum Teil bis zu 45 t Salz um die Brennstäbe gelegt haben und diese nun isolieren und damit eine effektive Kühlung verhindern. Zusätzlich ist inzwischen massenhaft kontaminiertes Wasser in den Pazifik gelaufen und läuft weiter. Die einzige Hoffnung, sie besteht darin, dass sich das kontaminierte Wasser schnell verdünnt und zumindest Iod 131 eine kurze Halbwertszeit hat.
Und ebenso ist inzwischen allen klar, dass es nach der Katastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren zu einem zweiten Unfall in dieser Größenordnung gekommen ist – Fukushima.
Der Alptraum ist wahr geworden. Ein Alptraum einer Menschheit, die sich in der Lage fühlte, die Natur zu beherrschen. Nein, der Mensch, er hat versagt, hat sich überschätzt, wieder einmal. Wieder einmal mit katastrophalen Folgen.
Heute auf den Tag genau kam es im amerikanischen Harrisburg zu einer partiellen Kernschmelze. Zum ersten Mal realisierte sich damit ein Restrisiko, welches bei dieser Technologie nur alle zehntausend Jahre auftreten sollte.
Am 26.04.1986 kam es zur Katastrophe von Tschernobyl, dem ersten atomaren Super-GAU. Und heute stehen wir hier, zittern mit, sind voller Sorge und auch Wut, weil sich das Restrisiko ein drittes Mal verwirklicht hat.
Wir wollen nicht diskutieren, wir sind nicht die Apologeten des Untergangs, aber wir weisen daraufhin, dass eine Technologie, die im Schnitt aller zehn Jahre zu einem Super Gau führt, nicht sicher ist, niemals sicher sein kann, egal was man uns versucht zu erklären.
Japan mahnt uns und ist uns Aufforderung zu gleich. Eine Aufforderung zum Handeln. Aber dieses Handeln beginnt zu erst in den Köpfen. Bedeutet auch für uns, dass ein Umdenken erforderlich ist. Dass es kein höher und schneller mehr geben kann. Dass wir uns als Menschen bremsen müssen, dass wir sparsamer mit den kostbaren Ressourcen sein müssen, die uns die Natur geschenkt hat.
Und es reicht auch nicht zu fordern, dass wir nur in Deutschland aus der Atomenergie aussteigen. Strahlung macht vor Ländergrenzen keinen Halt. Direkt hinter der sächsischen Grenze steht in Tschechien der Meiler von Temelin, dessen Strahlung uns bei einem Reaktorunfall auch erreichen würde. Im amerikanischen San Onofre stehen AKWs, die ebenfalls in einem plattentektonischen Spannungsgebiet errichtet wurden, in unmittelbarer Nähe des Ozeans, in unmittelbarer Nähe von Los Angeles, und überaltert.
An uns ist es, die Erinnerungen an das Geschehen aufrecht zu erhalten. An uns ist es, die richtigen Schlüsse zu ziehen und zu handeln und dieses Wissen weiterzugeben. Im Angesicht der Katastrophe ist es schwer ruhig zu bleiben und sich nicht der Ohnmacht hinzugeben. Ist es schwer, hinaus zu blicken in die Welt.
Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima sind die Worte, die sich eingegraben haben. Die Welt ist nicht mehr die Selbe. Es liegt an jedem Einzelnen von uns etwas dazu beizutragen, dass sie eine bessere wird.

