Jürgen Kasek

eratischer Eskapismus

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Rede Mahnwache 4.4. Leipzig, Japan

Die Fukushima-Ticker sind ausgeschaltet, die Schlagzeilen haben sich verändert. Die Flut an Nachrichten hat uns von der Reaktorkatastrophe hinweggetrieben. Wir sind weniger geworden, der Schrecken hat nachgelassen, ist dem Gleichklang gewichen. Dem Gleichklang einer zunehmenden abgestumpften Welt, in der wir nur noch Konsumenten sind. Wir dürfen und können dennoch nicht vergessen was geschehen ist. Zu groß sind die Auswirkungen der Explosionen in Fukushima, die vor zwei Wochen live auf allen Kanälen zu sehen waren.
Die Zeitrechung ist seit dem 11.03.2011 eine andere.

11. März (Tag 1)
14:46 Uhr: Japan wird im Nordosten vom schwersten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Kurz darauf folgen zwei bis zu 23 Meter hohe Flutwellen.

Die Nachrichtenlage aus Japan, sie bleibt bedrohlich. Inzwischen wissen wir, dass es über 11.500 bestätigte Tode gegeben hat, während 15.000 weiterhin als vermisst gelten. Durch das Beben wurden Fabriken zerstört, durch Schäden an Atomkraftwerken kam es zu Engpässen in der Stromversorgung, wodurch wiederum Produktionsketten unterbrochen wurden. Die Menschen in Japan ? ihnen bleibt nichts anderes übrig als die Angst zu ertragen.

12. März (Tag 2)
14:00 Uhr: Die Atomsicherheitsbehörde teilt mit, dass in Fukushima I möglicherweise eine Kernschmelze begonnen habe. Eine Stunde später kommt es zu einer ersten Wasserstoffexplosion im Reaktorblock 1, bei der das Dach und die Wände zerstört werden, wodurch auch Arbeiter verletzt wurden. Die Strahlenwerte in der Umgebung beginnen laut Angaben der Regierung zu steigen.

Der Betreiber des Atomkraftwerkes in Fukushima dokumentiert seine Hiflosigkeit. Die Versuche mittels Wasserwerfern die Brennelemente zu kühlen, wirkt hilflos. 11.500 t kontaminiertes Wasser sollen kontrolliert in den Ozean abgelassen werden, mit einer Strahlenbelastung, die hundertfach über den zulässigen Wert liegt. Im Reaktor zwei ist ein Leck in einem Kabelschacht entdeckt wurden. Die Versuche das Leck mittels Beton, Sägespänen und Zeitungspapier zu schließen, sind gescheitert. Selbst die japanische Regierung räumt ein, dass die Behebung aller Schäden und die Verschließung aller Lecks noch Monate dauern kann. Der Betreiber TEPCO plant inzwischen die weniger havarierten Meiler wieder ans Netz zu nehmen. Es sind Nachrichten, die uns fassungslos machen, die uns ungläubig ob des Wahnsinns zurücklassen.

14. März (Tag 4)
Gegen Mittag ereignet sich erneut in dem Katastrophen-AKW eine Wasserstoff-Explosion, diesmal in Reaktor 3. Wieder werden Menschen verletzt.
Ein erster Versuch, den Reaktor 2 mit Meerwasser zu kühlen, ist fehlgeschlagen.
Am Abend räumt der japanische Regierungssprecher Edano ein, dass in drei Reaktoren Kernschmelzen drohen. Außerdem sei im Areal um das AKW erhöhte Radioaktivität festgestellt wurden.
(Anm. d. Verf.: man beachte den Widerspruch!)

Wir stehen hier, weil wir mahnen wollen, weil uns das Geschehene schmerzhaft die Fehlbarkeit des Menschen vor Augen führt. Und wir stehen hier, weil wir den Eindruck haben, dass nicht die richtigen Schlussfolgerungen aus der Atomkatastrophe gezogen werden.

Nach Meinung des Direktors der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) stellt die japanische Atomkrise eine große Herausforderung dar und wird enorme Folgen für die Atomkraft haben. Die Weltgemeinschaft könne nicht wie bisher weitermachen, es müsse mehr für die Erhöhung der Sicherheit von Atomkraftwerken getan werden, um das Risiko zukünftiger Katastrophen wie in Fukushima-Daiichi zu verringern, sagte IAEA-Direktor Yukiya Amano am Montag.

Dass es ausreiche, die Sicherheitsstandards zu erhöhen, um AKWs vor unvorhergesehenen Beben in einer von Erdbeben hochfrequentierten Region zu sichern, kann nur als reiner Zynismus abgetan werden.

27. März (Tag 17)
Tepco meldet, im Wasser des Reaktors 2 sei die Radioaktivität auf einen Wert von zehn Millionen Mal über normal (Anm. d. Verf.: bez. auf Meerwasser) gestiegen. Kabinettssekretär Yukio Edano sagte, das extrem radioaktiv verseuchte Wasser stamme ?nahezu sicher? aus einem Reaktorkern, wahrscheinlich durch einen Riss in der Schutzhülle.


Bislang herrschte auch in Japan der Glaube vor, dass Mensch nicht ohne den Strom aus der Atomkraft leben kann. Gerade das Verhältnis zwischen Politik und der Atomwirtschaft scheint ein inniges zu sein. So schreibt die Süddeutsche Zeitung:

Den Atomkonzernen kam zudem ein spezielles Verhältnis einiger japanischer Wirtschaftszweige zur Politik zugute: Hohe Beamte können damit rechnen, nach ihrer Pensionierung von Firmen, die sie zuvor überwacht haben, hochbezahlte Berater-Jobs zu erhalten. "Amakudari" heißt diese institutionelle Korruption, "vom Himmel gestiegen". Doch anders als die parastaatliche Kernenergie können die von der Privatwirtschaft entwickelten Alternativ-Energien kaum Amakudari-Jobs anbieten. Deshalb sind ihre Konzepte für Beamte unattraktiv. Bei Windenergie hinkt das windreiche Japan sogar den USA hinterher. Weltweit wird derzeit zwei Prozent des Stroms aus Wind gewonnen, in Japan nur 0,4 Prozent.

Der Ausbau von alternativen Energien, er hat in Japan noch nicht einmal begonnen, weil die Atomwirtschaft diesen bewusst verhindert hat.
Erst am 28. März, dem Tag 18 der Katastrophe, räumt die japanische Regierung eine Kernschmelze in Reaktorblock 2 ein. Diese habe wahrscheinlich schon kurz nach dem Tsunami begonnen.
Zum ersten Mal wurde am Montag auch außerhalb des Gebäudes von Reaktor 2 stark radioaktives Wasser entdeckt. In mehreren Kontrollschächten eines unterirdischen Kanals, der aus dem Turbinengebäude des Reaktors hinausführt, habe sich verstrahltes Wasser angesammelt, teilte ein Tepco-Sprecher mit. Die Radioaktivität betrage 1000 Millisievert pro Stunde.

Tage sind seitdem vergangen. Tage in denen der Zynismus zugenommen hat. Auch wir tragen eine Verantwortung. Jeder einzelne von uns.
RWE hat inzwischen eine Klage gegen die Abschaltung von Biblis I eingereicht. Die Bundesregierung hat nach wie vor keine überzeugende Antwort vorgelegt.
Eine Antwort die wir kennen. Eine Antwort, die wir - anders als die Apologeten der Atomkraft - auch mit den besseren Argumenten zu unterfüttern wissen. Eine Antwort die nur sein kann ?
Abschalten.

Posted April 5, 2011